Jakobsweg

„Mich beeindruckten die Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit, die anderen Gutes tun.“
Harald Stuntebeck berichtete über seine Erlebnisse beim Wandern auf dem Jakobsweg.

Wir kennen Harald Stuntebeck als einen Mann der Begegnung.

Wie Begegnungen auf dem Jakobsweg ihn inspiriert und berührt haben, schilderte er am Abend des 13. März 2026 bei einem Bildervortrag in Pax&People.

16 Gäste waren erschienen, die diesen wertvollen Erfahrungsbericht nicht verpassen wollten. Anhand von Fotos und mit vielen Geschichten wurden Erlebnisse auf dem Jakobsweg lebendig. Die Zuhörenden staunten und warfen viele Fragen auf.

Wanderrouten, Landschaften, Sehenswürdigkeiten, Herausforderungen, Kaffee und Rotwein waren im Gespräch. Das Wichtigste für Harald aber waren die Menschen, die er traf, und die im Mittelpunkt seines Erlebnisberichtes standen.

Nachdem Harald die Gäste begrüßt hatte berichtete er, wie das Wandern auf dem Jakobsweg vor 20 Jahren begann. Mut gemacht hatte ihm Thomas Schmidt, der einfach losgegangen war bis nach Straßburg. Harald startete zunächst kleinere Pilgerwanderungen mit seiner Familie in der Umgebung von Frankfurt. „Man lernt seine Umgebung mit anderen Augen sehen“, berichtete er. Als sie 100 km bis Germersheim geschafft hatten war das Üben vorbei.

Über Jahre verteilt lief er dann den gesamten Jakobsweg. Zum Teil zusammen mit seiner Frau, zum Teil allein. Die erste große Etappe ging nach Straßburg. Die zweite Etappe führte ins Elsaß, die dritte in die Franche Comté, eine einsame Gegend. Es folgte der Weg von Dijon, an Taizé vorbei, in die Auvergne nach Puy en Velay. Dort lief er auf der sogenannten „Via Podiensis“ bis nach Saint Jean Pied le Port. Der letzte Abschnitt führte dann von dort ans Ziel nach Santiago de Compostela.

Seine Reisemonate waren vor allem April und Oktober. Einmal war er allerdings auch im August unterwegs. „Da musste der Umgang mit der Hitze erstmal gelernt werden“, schmunzelte er.

Die Fotos machten deutlich: es gibt nichts an Naturschönheit, was Harald nicht gesehen hat. Er sah auf seinen Wanderungen Seen, Vulkane, Felder, Hügellandschaften, Graswege und Wald, Bäche und Flüsse, Blumen und Sonnenblumenfelder, Brücken, Sonnenauf- und Untergänge, den Sternenhimmel und – besonders großartig – das Meer.

Beim Wandern hatte Harald besondere Erlebnisse: Gottesdienste in kleinen Dorfkirchen, durch die er kam, waren ein schönes Gemeinschaftserlebnis. „Interessant war auch eine Übernachtung in einer Kirche, in der Pilger schlafen konnten“, berichtete er.

Harald wanderte am Tag 25-30 Kilometer. Auf dem Rücken trug er anfangs 10 Kilogramm, später nutzte er einen Gepäckservice. Dann reichten ca. 3. Kilo als Tagesgepäck. Die Unterkünfte buchte er immer einen Tag im Voraus. Tips für gute Unterkünfte gaben ihm häufig die Menschen, die die Unterkunft des Vortags leiteten.

So schön alles klingt, war es nicht auch anstrengend und herausfordernd? „Musstest Du etwas entbehren?“ erkundigte eine Zuhörerin sich. „Und war es anstrengend, das auszuhalten?“

„Ja“, bestätigte Harald, „das kam vor.“ Alle wissen zum Beispiel, wie gerne er Kaffee trinkt. Nun wurde aber nicht in allen Pilgerunterkünften ein Frühstück angeboten. „Es gab Tage, da musste ich mehrere Kilometer bis zum nächsten Café laufen, ehe ich frühstücken konnte“, erinnerte er sich.

Neben den wunderschönen Naturerlebnissen, so berichtete Harald, gab es auch echte Grenzerfahrungen. Zum Beispiel, als er 1,5 Kilometer im Matsch ein unwegsames Gelände hinuntersteigen musste. Der Rotwein am Abend entschädigte für so manche Strapaze.

Zwei weitere besondere Erlebnisse: In einer Stadt gab es einen Trinkbrunnen, in dem nicht Wasser, sondern Wein vorhanden war. Und in Burgos faszinierte ihn besonders die Kathedrale, die viele Künstlerinnen und Künstler inspiriert. Er zählte darin ca. 20 Marienaltäre.

Berührend waren Zeichen, die Menschen am Weg hinterlassen hatten, zum Beispiel Herzen zum Andenken an Verstorbene. Auf einem Stein stand: „Und immer sind irgendwo Spuren von dir.“

Das Herzstück seiner Wanderungen aber waren die Begegnungen mit Menschen. So lernte er einen Amerikaner kennen, mit dem er sich gewinnbringend über den politischen Blick der Menschen in den USA austauschen konnte. Harald erinnerte sich: „Das war eine gute Erfahrung, man lernt was Neues kennen.“

Ein Mann mit irischen Wurzeln, den er traf, hatte einen Faible für Storytelling und erzählte unterhaltsame Geschichten.

Auf die Nachfrage, welche Erlebnisse ihn am meisten beeindruckt haben, nennt Harald die Menschen, die er traf, die Geschichten, die sie erzählten und wie sie sich um andere kümmerten. So erzählte er von der jungen Frau Céline, die sich auf dem Jakobsweg Zeit nehmen wollte für die Menschen, die sie unterwegs ansprachen.

Harald beschrieb seine Erfahrung so: „Es ging beim Pilgern nicht um eine Erleuchtung, sondern um Menschen, die einem etwas mit auf den Weg geben.“

Er selbst teilte an die Personen, die er kennengelernt hatte und mochte, Aufkleber von der Aktion „Pilger der Hoffnung“ vom Bistum Limburg aus, worüber diese sich sehr freuten.

Die Welt ist klein - unter Haralds Begegnungen war sogar ein Mann aus Frankfurt Bornheim dabei. Dieser war am Jakobsweg ansässig geworden, besaß einen Esel und verteilte Pilgerstempel mit einem Esel darauf.

Eine andere Begegnung verlief eher schwierig. Dies war auf den letzten 10 Kilometern vor Santiago de Compostela der Fall. Er lernte den Russen André kennen. Sie kamen in einen „Riesenstreit“ über Politik und den Angriffskrieg auf die Ukraine. Schließlich gelang es ihnen, ihre gegensätzlichen Meinungen stehen zu lassen, das Thema zu beenden und noch ein gemeinsames Foto in Santiago zu machen. Harald berichtete: „Mir wurde bei diesem Streit bewusst, dass die Trauer, die mich über das Ende des Jakobsweges begleitete, nicht wirklich wichtig war. Es gibt so vieles, was viel wichtiger ist im Leben, z.B. einen Streit zu beenden oder sich dafür einzusetzen, dass der Krieg in der Ukraine oder anderswo ein Ende findet.“

Und dann war das Ziel vor Augen: Harald traf an der großen Kathedrale in Santiago de Compostela ein und erhielt die auf Latein verfasste Pilgerurkunde.

Wer meint, dass Harald hiermit am Ziel war, irrt. Er lief noch weitere 90 km bis nach Finisterre (wörtlich: dem Ende der Welt). Und hierbei hatte er die vielleicht wichtigste Begegnung:

Obwohl es regnete, verließ er Santiago de Compostela und wanderte los. Zunächst legte er mehrere Kilometer zurück, bevor er ein Café zum Frühstücken fand. Das Wetter verschlechterte sich zusehends und er merkte, dass er seine Brille in der Unterkunft in Santiago de Compostela vergessen hatte. So überlegte er, wieder umzukehren. Er sprach den Besitzer des Cafés, einen älteren Herrn an, der ihm sagte: „Pilger gehen immer. Natürlich gehen Sie.“ Dies ermutigte Harald, so dass er aufbrach. Trotz Regenwetters lernte er gerade auf diesen Abschnitt wertvolle Menschen kennen. Ein Spanier, der den Weg für und mit seinem kranken Bruder lief, berührte ihn besonders. „Was gibt es für tolle Menschen“, fasste er diese Begegnung zusammen. Eine neue Brille hatte er unterwegs auch kaufen können.

Im Regen erreichte er das Meer und den Strand und es bot sich ihm ein beeindruckendes Naturerlebnis.

Auf die Frage, was seine intensivste Erfahrung gewesen sei, antwortete Harald: „Es war der Weg nach Finisterre. „Sich gegen den eigenen Schweinehund zu entscheiden und auch bei starkem Regen den Weg zu beginnen. Und dann: diese überraschenden Begegnungen und die starken Kräfte der Natur zu erleben.“

Zurück in Santiago de Compostela suchte Harald nochmals den Cafébesitzer „Senhor Rucco“ auf, der ihn auf den Weg nach Finisterre geschickt hatte und dankte ihm dafür, dass er ihm Mut gemacht hatte.

Er beendete seinen Vortrag mit dem Satz: „Mich beeindruckten die Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit, die anderen Gutes tun.“

Die Zuhörerinnen und Zuhörer brachten ihren Dank am Ende des Vortrags mit einem kräftigen Applaus zum Ausdruck.

Haralds Vortrag hat das Herz der Zuhörenden ein wenig geweitet. Der Rat des Cafébesitzers, der ihn auf den Weg nach Finisterre geschickt hat, kann eine Ermutigung sein, aufzubrechen und sich neue Horizonte zu erschließen. Auch wenn nicht jeder das Interesse, die Kraft und die Möglichkeit hat, den Jakobsweg zu laufen, hat Haralds Vortrag doch inspiriert, weiter zu sehen und neue Schritte auszuprobieren.

Zur Information:

Der Vortrag wird noch einmal zu einem späteren Zeitpunkt wiederholt. Interessenten*innen können den Termin per E-Mail erfragen. H.Stuntebeck@paxandpeople.de

Text: M. Fischer. 

Fotos: H. Stuntebeck. 

 

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