Wir sollen nicht vergessen wollen!
In besonderer und ergreifender Abend fand am 16. Juni 2026 im Gemeindesaal von St. Hedwig – statt. In der Reihe der „Reisetagebücher“ erzählten Frau Tanja Bock und Herr Wolfgang Müller, beide Lehrer des Studienseminars Neuwied, von der emotionalen Reise nach Auschwitz-Birkenau, die sie zusammen mit jungen Lehrenden in Ausbildung im September letzten Jahres unternommen hatten.
Moderiert von Pastoralreferent Rolf Müller gaben die beiden Lehrer des Studienseminars in einem Lichtbildvortrag Eindrücke ihrer Reise und luden die ca. 35 Teilnehmenden anschließend ein zur Diskussion.
Eine emotionale Reise mit Engagement
Es ist nicht einfach ein Besuch gewesen, nicht einfach „eine begleitete Führung durch diese Gedenkstätte“. Stattdessen haben sich die Teilnehmer auf einen Aufenthalt in Ausschwitz I und Birkenau - welches als Verwaltungsgebäude
direkt nebenan ist – eingelassen, sie haben beobachtet, geschaut und analysiert. Zudem haben sie praktisch mitgeholfen, um zum Erhalt dieser Gedenkstätte beizutragen. Beispielsweise haben sie in Auschwitz-Birkenau Aufräumarbeiten und kleine Renovierungsarbeiten übernommen.
Das UNESCO-Weltkulturerbe heute und damals
Die Gedenkstätte „Ausschwitz- Birkenau“ ist 2007 zu einem UNESCO Weltkulturerbe ernannt worden. Zum Erhalt dieser Anlage - Wartung, Instandsetzung - sind nur acht Mitarbeiter angestellt. Natürlich sind dies viel zu wenige für das ganze große Areal. Zu diesen acht Mitarbeitern, gehören auch diejenigen, die heute noch dort im Labor versuchen, Gegenstände und Erinnerungsstücke der „Insassen“ einzuordnen. Deshalb ist es wichtig, dass „Tage der Unterstützung“ angeboten und angenommen werden, während derer Besucher sich an praktischen Arbeiten zur Instandhaltung der gesamten Anlage beteiligen.
Das Schild am Eingang des Lagers - „Arbeit macht Frei“ – deutet an, es sei eigentlich „nur“ als ein Arbeitslager gebaut worden. Ab der Wannseekonferenz 1942 wurde es dagegen auch „offiziell“ als ein Vernichtungslager eingestuft. Auschwitz-Birkenau war ein „Todeslager“ mit extra eingebauten Gaskammern zur „Vernichtung der Feinde des Reiches“.
Tatsächlich wurden viele „Feinde des Reiches“ dort vernichtet. Es handelt sich um ca. 1 – 1,5 Millionen Menschen im Zeitraum von etwa 1942 bis 1945 ermordet.
Wie können Menschen anderen Menschen dieses antun?
Als die Bilder der Neuwieder Studierendenreise gezeigt wurde, wurde es ganz still im Saal. Das Erschrecken und das gefühlsmäßige „nicht begreifen“-Wollen der Anwesenden war deutlich zu spüren. Alle im Saal haben diese Menschen auf den Photos gesehen: Männer, junge und alte Frauen und Kinder jeden Alters auf dem Weg in die Duschen - aus den Duschköpfen kam dann Zyankali statt Wasser. Dahinter die Krematorien, diese Verbrennungsöfen der Leichen.
Es wurden auch nicht nur Juden ermordet, auch politische Gegner, Homosexuelle, Menschen mit Behinderungen, Sinti, Roma, Menschen unterschiedlichster Nationen - einfach Menschen, die nicht zur sogenannten „Herrenrasse“ – also zu den Arischen – gehörten.
Viele Anwesende haben sich an diesem Abend ihrer Tränen nicht geschämt
Nach dem Lichtbildvortrag brauchten alle Anwesenden ein paar Minuten, bevor die Diskussions- und Fragerunde in Gang kam. Einige Anwesende hatten ältere Familienangehörige in ihrer jeweiligen Familie befragt.
Wie ist das damals gewesen?
Wie konntet ihr dieses nicht mitbekommen, dieses Unrecht?
Warum habt ihr alle geschwiegen?
Diese Fragenden wurden von den älteren Familienangehörigen beschimpft - oder bestenfalls ignoriert. Ernsthafte ehrliche Antworten haben keine der Anwesenden erhalten. Trauer und Frustration folgten, wenn ein weiterer Besuch in diesem Teil der Familie geplant anstand.
Dieser Teil der Geschichte wurde von den - damals wohl aktiv Mitwirkenden - Familienmitgliedern wirklich komplett verschwiegen.
Im Saal bei den Zuhörern war das Grauen und Unverständnis greifbar.
Wie können Menschen - auch Menschen als Soldaten mit einem Befehl - wie können Menschen dieses anderen Menschen antun ?
Und als heutzutage vielleicht die eigentliche Frage:
Wollen wir diesen Teil unserer Geschichte denn vergessen ?
Schulunterricht heute
Heutzutage ist der „Holocaust“, also die Verfolgung und Vernichtung von Menschnleben in der Zeit 1941 bis 1945 - für die Schüler oft nur noch als “Extra Geschichts AG” wählbar. Es gibt dafür keine Zeit mehr im Regelunterricht.
Zum Vergleich:
In einer weiterführenden Schule in den 1980er konnten sich die Schüler zweimal mit der Zeit des Nationalsozialismus und dem Holocaust auseinandersetzen, nämlich sowohl in der 9. als auch in der 11. Klasse
Wenn wir von den jeweiligen Kulturministerien und den Ländern keine offiziellen Lehraufträge mehr bekommen… Wie sollen wir – und die noch kommenden Generationen - denn nicht vergessen ?
Oder: sollen, wollen wir gar, diese „dunkle Zeit“ in unserer Geschichte vergessen ?
Auch dieses Thema wurde auch an diesem Abend angesprochen,- sehr viele Besucher sind sehr still und nachdenklich nach Hause gegangen.
Bildergalerie
Nicht vergessen - Nie wieder ist jetzt!
„Wir Sollen nicht vergessen wollen“ — das ist schwer in dieser Zeit des Ignorierens der Menschen und in dieser Zeit des Wiedererstarkens der „einschlägigen Parteien“ in unserer Demokratie.
Ich habe mich nicht geschämt, an diesem Abend bei einigen dieser Bilder bei diesem Lichtbilder Vortrag zu weinen.
Wir als „Katholische Kirche“ setzen uns für die „Demokratie und ein freiheitliches Denken“ ein. Für eine „offene Gesellschaft“ mit einer demokratisch gewählten Regierung.
Jedoch: Gelebte „Demokratie“ ist in der heutigen, schnelllebigen Zeit ein kostbarer Schatz.
Und: Diese „demokratische Regierung“ soll auch dann auch funktionieren,-
Denn das Vertrauen der Bevölkerung in diese Art der Regierung ist ebenso sehr wichtig.
Und: Es gibt leider aktuell viele „alte Gedanken“, Gedanken nach einer „starken Regierung“,- die wieder für einige Wähler nicht nur junge Wähler,- interessant und lebenswert erscheint.
Unsere Meinung der Katholischen Kirche bleibt:
Nie wieder ist jetzt!
Wir sollen nicht vergessen wollen!
Ihre K. Haronska